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Fake im Literaturunterricht
#1
Wir wundern uns aktuell, dass das Bewusstsein gerade auch vieler Intellektueller gegen Daten und logische Zusammenhänge immun ist. Die Schule ist an der Verhinderung des kritischen Denkens und des Differenzierens von Empfinden systematisch mitbeteiligt, Wissenschaft sowieso. Reguliert wird der Bereich der inneren und äußeren Orientierung nicht zuletzt durch Sprache bzw. durch alle Formen von Sprache und gestaltendem Ausdruck. Literatur ist ein scharfes Schwert, bzw. wäre es, wenn wir uns dort genau so gut auskennen würden, wie in der Mathematik und den Naturwissenschaften. 
In Goethes berühmter Ballade Erlkönig geht es nicht um ein fieberndes Kind, das ist Fake-Interpretation. Selbige unterschlägt erstens das wörtlich angesprochene Motiv des sexuellen Missbrauchs, zweitens induziert sie zwangsläufig Angst vor dem Tod, als einzige übrig bleibende Interpretationsmöglichkeit. Was der Vater aber in der Ballade vorexerziert, ist gerade das systematische Weghören und Missverstehen, das der Rezeption nicht als Vorbild, sondern als abschreckendes Beispiel vorgeführt wird. Satirisch überspitzt könnte man sagen, dass vielen Schülern beigebracht wird, das Kind im Erlkönig sei an Corona gestorben. Wir sollten stattdessen anfangen, das Zuhören und Hinsehen zu üben. Sterbende Kinder sehen keinen Erlkönig, Goethes Literatur suggeriert keine Angst vor dem Tod, sondern vielmehr, wie im Werther, sogar u.U. dessen Verherrlichung. Es geht im Erlkönig um Macht und Ohnmacht, aber nicht in Bezug auf den Tod.
Für die Deutsch-Unterrichtenden und neugierige Schüler(innen) hier noch ein Tip. Büchners Woyzeck gehört zum Abiturstoff. Im Zusammenhang eines Sozialdramas ist der stark rituell vorbereitete Mord Woyzecks an Marie völlig unmöglich (worauf schon manche aufmerksame Literaturwissenschaftler gekommen sind, selbstverständlich Außenseiter und leider ohne den wirklichen Durchblick). Es muss sich vielmehr um eine Beziehungskatastrophe handeln. Büchner löst sie in der Szene "Maire allein, blättert in der Bibel" auf, und zwar im wörtlichen Verstehen eines bestimmten Satzes, das alles weitere, wie auch die merkwürdigen Figurenreden Woyzecks, des Narrens usw. aufdröselt. - Auf auf zum fröhlichen Suchen.  Idea Und für die Verschwörungstheoretiker: Ratet mal, ob dieser Satz in Werner Herzogs Film Woyzeck vorkommt. Ein Tip: Der Film gilt als "unendlich genaue" filmische Aneignung von Bühners Fragment (ZEIT).  Big Grin
zum Spoilern: 
www.georg-buechner.net
https://www.researchgate.net/publication...issbrauchs
https://www.researchgate.net/publication...k-Fragment
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#2
Kann man so sehen, muß man aber nicht.
Bist du nicht willig war "früher" ein Standardspruch, auch hilfreiche Bibelzitate fanden sich gern.
Aber meist ging es weniger um Sexuelles, als daß man für Bockigkeit einen auf die Fr.... bekam.
Natürlich ist es möglich, eine sexuellel Lesart zu praktizieren, und es gibt auch dafür Gründe. Zwingend scheint es mir aber nicht.

Btw: seit Monaten prangere ich im kleinen Kreis die sprachliche Ummünzung an, die aus Hausarrest "Quarantäne"
macht, aus Bevormundung "Fürsorge" und aus Vereinsamung "social distancing", um nur einen Denkanstoß zu geben.
Wir sollten uns viel mehr darum bemühen, die Funktion Sprache wieder auf  ihre eigentliche Aufgabe zurückzuführen , nämlich Dinge beim Namen zu nennen.
Nur mal so als Gedanke.
Life is a bitch and then you die
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#3
Doch, muss man: "Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt", was meint das wohl? Und das: ""Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!". - Von Fieber steht jedenfalls nichts im Text. Vor allem geht es darum, dass der Vater die Mitteilung des Kindes negiert. Dafür kann es nur einen triftigen Grund geben. Wenn es darum geht, die Dinge beim Namen zu nennen, dann muss man das auch konsequent tun. "Ich liebe dich" und "mich reizt deine schöne Gestalt" nennt die Dinge nun einmal beim Namen.
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#4
Ja, du magst gerne Recht haben.
Ich möchte aber keine zweite Front eröffnen, immo ist mir das corona Problem wichtiger.
Außerdem hab ich von Goethe keine Ahnung. Der Mann ist tot.
Life is a bitch and then you die
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#5
Jimmy Savile, Jeffrey Epstein und Klaus Kinski auch. Andere Erlkönige nicht ....
Das aber ist nicht der Hauptkritikpunkt. Das eigentliche Problem ist, dass wir die Fähigkeit, ästhetische Texte (ohne Scheuklappen) zu lesen, wozu wenigstens eine intellektuelle Avantgarde fähig sein sollte, zu der wünschenswerterweise die Lehrer zu rechnen wären, nicht (mehr?) besitzen. Eine brauchbare Theorie dazu gibt es übbrigens auch, sie wird freilich in der Wissenschaft vershmäht, während die Kunst des Drehbuchschreibens und daher auch die meisten wirklich guten Filme, darüber verfügen. Bei allen einzugestehenden Schwierigkeiten ist dieses Defizit keine Rechtfertigung dafür, offensichtlichen wie auch schädlichen Unsinn zu unterrichten.
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